DA STAUNT DER STATISTIKER – EINE ÖSTERREICHISCHE WAHL

Ich bin alles andere als ein Verschwörungstheoretiker. Schon deswegen nicht, weil die meisten Verschwörungstheorien faktentechnisch nicht belastbar sind. Und, weil ich nicht der Meinung bin, dass man komplizierte Erklärungen finden muss, wo es einfache gibt.

Aber bei dem am 23. Mai schlussendlich bekannt gegebenen Ergebnis der österreichischen Bundespräsidentenwahl bin ich dann doch ins Grübeln gekommen. Schauen Sie warum:

Sonntagswahl Briefwahl Summe
gültige Stimmen 3.731.832 746.110 4.477.942
Hofer 1.937.752 51,92% 285.706 38,29% 2.223.458 49,65%
Van der Bellen 1.794.080 48,08% 460.404 61,71% 2.254.484 50,35%
Differenz Hofer-VdB 143.672 3,85% -174.698 -23,41% -31.026 -0,69%

 

Also am Sonntag führt Norbert Hofer von der FPÖ mit knapp 4% Vorsprung vor dem Gegen­kandidaten der österreichischen Grünen, Alexander Van der Bellen. Da waren 83,4% der Stimmen ausgezählt. Und am nächsten Tag, nach Auszählung der Wahlkarten und damit von 16,7% – also knapp eines Fünftels der Stimmen vom Vortage – heißt der Gewinner dann Van der Bellen…

Das bedeutet, dass bei der Briefwahl Van der Bellen mit 23,4% vor Hofer liegt, nach -3,9% am Vortage. Also in Summe eine Differenz von 27,3% oder des 6-Fachen im Wählerverhalten quasi über Nacht.

Um dies einmal anschaulich zu machen – 27,3% ist mehr als das Wahlergebnis der SPD (25,7%) bei der Bundestagswahl 2013. Wir erleben in Zahlen also quasi ein „Verschwinden“ der SPD von der Parteienlandschaft allein vermöge Briefwahl. (Na gut, das Beispiel ist vielleicht denn doch nicht so weit hergeholt. Das die SPD verschwinden kann, ist immerhin vorstellbar.)

Es kann wohl angenommen werden, dass Briefwähler geografisch in etwa so über das ganze Land verteilt sind, wie es die Sonntagswähler sind. Regionale Unterschiede können also so einen exorbitanten Unterschied nicht erklären. Es ist bekannt, dass Briefwähler im Durchschnitt anders sozial strukturiert sind, als „Normalwähler“; meist „Besserverdiener“. Aber die Unterschiede im Wählerverhalten dieser unterschiedlichen sozialen Gruppen bewegen sich üblicherweise im unteren einstelligen Prozentbereich. Bei der Bundestagswahl 2013 beispielsweise betrug der größte festgestellte Unterschied im Wahlverhalten Urnen- vs. Briefwähler 4,2% (CDU). Damit verhalten sich die Briefwähler in Österreich also mehr als 6-Mal „volatiler“, als ihre deutschen Entsprechungen. Aber selbst wenn wir österreichische Ergebnisse zu Grunde legen: noch bei der Nationalratswahl 2013 betrug der größte gemessen Unterschied -1,3% (FPÖ – 20,0% vor Auszählung Briefwahl, 18,7% nach Auszählung Briefwahl). Nun aber liegen wir bei -2,3% bei der FPÖ und damit respektable 56% höher in der Abweichung.

Aber schauen wir auf die Briefwahl selbst. Im ersten Wahlgang betrug der Anteil der Briefwähler noch 12,5%. 2010 waren es nur 8,8%, bei der Nationalratswahl 2013 auch nur 11,4%. Aber nun ein formidabler Anstieg auf 16,7% (+75% im Vergleich zum ersten Wahlgang!), was etwa einer Verdopplung gegenüber 2010 entspricht.
Das die Wahlbeteiligung selbst beim zweiten Wahlgang deutlich höher ist, finde ich nachvollziehbar. Aber warum sie bei Briefwählern im Gegensatz zu Sonntagswählern (die ja exakt dieselbe Motivation haben!) so viel höher sein sollte – ein Schelm wer Arges dabei denkt…

Wie also lassen sich diese Zahlen erklären? Ich hoffe, wir erfahren es bald.

Ergänzung:
Am 1.7.2016 entschied der österreichische Verfassungsgerichtshof, daß die Wahl zum Bundespräsidenten wiederholt werden muss. Der Anfechtung der FPÖ wurde entsprochen.

Es wird behauptet, dass es lediglich zu Formfehler gekommen, das Wahlergebnis selbst aber korrekt sei.
Nun, ich wage nun heute (1.7.2016) die Prognose, dass die Aufdeckung „echter“ Wahlschiebungen nur eine Frage weniger Wochen sein wird!

Bernd Reichert, 1.7.2016

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